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Zurück zu Franziskus,
dessen Gesundheitszustand sich immer weiter verschlechtert hatte und dessen
Pilgerreisen allmählich kürzer wurden. Orientierungspunkt blieb
aber stets die Portiunkula, dorthin kehrte er gerne zurück. Die Angst
um den inneren Konflikt seiner Gemeinschaft aber stieg und er gab, gerade
auch deshalb, seine Bemühungen um ständige Beispielhaftigkeit
nicht auf.
Aber wenngleich der glorreiche
Vater vor Gott in der Gnade schon zur Vollendung gelangt war und unter
den Menschen dieser Welt durch heilige Werke glänzte, war er dennoch
dauernd darauf bedacht, noch Vollkommeneres in Angriff zu nehmen und als
wohlerfahrener Ritter im Herrlager Gottes den Gegner herauszufordern und
immer wieder neue Kämpfe zu entfachen. Er hatte vor, unter dem Führer
Christus "Gewaltiges zu vollbringen". Wenn auch die Glieder erschlafften
und der Leib schon abgestorben war, erhoffte er sich doch in neuem Streit
einen Triumph über den Feind; denn wahre Tugend kennt kein zeitliches
Ende, weil der erwartete Lohn ewig ist. Er glühte daher vor heißer
Sehnsucht, zu den ersten Verdemütigungen zurückzukehren. Aus
grenzenloser Liebe
hoffnungsfroh, gedachte er, seinen Leib zur früheren
Dienstbarkeit zurückzuführen, obwohl er doch schon bis zum Äußersten
gegangen war. Er räumte gänzlich alle hemmenden Sorgen beiseite
und unterdrückte vollständig jeden beunruhigenden Kummer. Und
als er infolge seiner Krankheit die frühere Strenge notwendigerweise
mäßigte, sagte er: "Brüder, nun wollen wir anfangen, Gott
dem Herrn zu dienen; denn bis jetzt haben wir kaum, sogar wenig, nein,
gar keinen Fortschritt gemacht." Er glaubte nicht, es schon ergriffen zu
haben; und unermüdlich ausharrend im Vorsatz heiliger Erneuerung,
lebte er in der Hoffnung, immer wieder einen neuen Anfang setzen zu können.
Er wollte wieder zur Aussätzigenpflege zurückkehren und zum Gespötte
dienen, wie es einstens geschah. Er nahm sich vor, die Gesellschaft der
Menschen zu fliehen und die verborgensten Orte aufzusuchen, um so, frei
von allen Geschäften und enthoben der Sorge um die anderen, für
jetzt nur mehr durch die Wand des Fleisches von Gott getrennt zu sein.
Er sah nämlich,
wie viele sich nach Ämtern der Ordensleitung drängten. Er verabscheute
die Verwegenheit dieser Leute und suchte sie durch Beispiel von solch krankhafter
Sucht abzubringen. - Er pflegte nämlich zu äußern, es sei
gut und wohlgefällig in den Augen Gottes, Sorge für andere zu
tragen, und sagte, dass nur diejenigen die Sorge um die Seelen übernehmen
sollten, die dabei nichts suchen für ihre Person, sondern immer in
allem nur den Willen Gottes im Auge hätten. Diejenigen sind gemeint,
die nichts dem eigenen Heile vorziehen und nicht den Beifall, sondern den
Fortschritt ihrer Untergebenen anstreben, nicht Ansehen vor den Menschen,
sondern Ehre vor Gott; diejenigen, die nicht nach einem Oberenamt haschen,
sondern es fürchten, die eine Ernennung nicht erhebt, sondern demütiger
macht und die eine Absetzung nicht erniedrigt, sondern erhöht. Gerade
in dieser Zeit, in der die Bosheit so üppig aufschoß und die
Schlechtigkeit überhandnahm, sei es gefährlich, sagte er, zu
regieren, dagegen, behauptete er, nützlicher, sich regieren zu lassen.
Es schmerzte ihn, dass manche ihre ersten Werke verließen und,
nachdem sie etwas Neues gefunden, die frühere Einfachheit vergaßen.
Deshalb beklagte er die, die einst aus ganzer Seele dem Höheren nachgingen,
jetzt aber zu Niedrigem und Nichtigem herabstiegen, und die in unnützen
und eitlen Dingen sich auf dem Felde ungezügelter Freiheit zerstreuten
und herumtrieben, nachdem sie sich von den wahren Freuden abgekehrt hatten.
Deshalb bat er die göttliche Güte, seine Söhne von diesen
Verirrungen zu befreien und flehte inständig, sie in der einmal gewährten
Gnade zu erhalten.
(1 Cel 103-104)
Trotz einiger Kuraufenthalte
und Operationen in Siena bzw. Rieti, nunmehr fast vollständig erblindet,wurde
Franziskus im Frühjahr 1226 nach Assisi gebracht und verbrachte dort
einige Zeit im Hause des Bischofs.
Hier nun verfaßte
er sein Testament, welches schon an einigen Stellen dieser Ausarbeitung
zitiert wurde. Es gilt nicht als eine "neue Regel", sondern es stellt eine
Erinnerung, Ermahnung und Aufmunterung dar. Gleichzeitig ist es der Prüfstein,
mit dem sich die Minderbrüder in einer ständigen Herausforderung
vergleichen sollen, um ermessen zu können, wie nah oder fern sie dem
Ideal ihres Ordensgründers sind. Andere Menschen hinterlassen ihren
Erben Reichtümer, Landbesitz oder andere Güter, er aber hatte
nichts mehr von diesen Besitztümern. Er hatte alles hingegeben, um
zu denen zu gehören, die die Gesellschaft ausgestoßen hat und
auch heute noch ausstößt, so wie sie Jesus von Nazareth ausgestoßen
hatte, der in einem Stall geboren und in eine erbärmliche Krippe gelegt
worden war, der letztendlich, obwohl von Liebe und Güte erfüllt,
von "uns" ans Kreuz geschlagen wurde.
Franziskus hatte etwas hinterlassen,
das er mit unzähligen Entsagungen, Opfern und Leiden gelebt hatte:
sein eigenes Beispiel. Es war das Beispiel eines Bruders für die anderen
Brüder und Schwestern. Jenes Beispiel für alle Menschen, die
an Gott glaubten oder aber auch sich von ihm lossagten. Kein Wort, nicht
die geringste Andeutung seiner körperlichen Leiden in seinem Testament,
da jene an den Willen des himmlischen Vaters gebunden waren: dieser konnte
sie als Prüfung schicken oder nicht. Jeder Minderbruder wählt
dieses Leben des Heiligen und muß es befolgen, wenn er wirklich zum
Kreise der "frati minori", den Minderen Brüdern, zur Bruderschaft
des wirklich armen Franziskus gehören will.
Der Generalobere und alle
andern Obern und Kustoden
sollen im Gehorsam verpflichtet
sein,
diesen Worten nichts
beizufügen noch abzuziehen.
Sie sollen dieses Schriftstück
stets neben der Regel
bei sich haben, und wenn
sie auf den Ordensversammlungen
jeweils die Regel lesen,
soll man auch diese Worte lesen.
(Testament)
Franziskus wurde, nachdem
der letzte Versuch zur Heilung seiner Krankheiten in Siena/Toskana fehlschlug,
für einige Zeit von Bischof Guido aufgenommen. Wie Bischof Guido den
Sohn des Pietro Bernadone bei seinem immer eindrucksvolleren Aufstieg zu
den Gipfeln der Heiligkeit, in dem er sich immer tiefer in der Gesellschaft
herabließ, beobachtete, ist nicht bekannt. Doch kann man aus vielen
Anzeichen, besonders im Zusammenhang mit den letzten Jahren des Heiligen
schließen, dass auch dieser im Bann von Franziskus stand und
ihn mehr denn je achtete und liebte, so sehr, dass er ihn schließlich
bei sich aufnahm. Unklar bleibt auch, inwieweit sich Franz bei diesem Aufenthalt
in dieser noblen Atmosphäre wohl oder unwohl fühlte. Er ließ
sich, sobald er konnte, auf die einfachste und schnellste Weise fortbringen,
um seine Anordnungen mit seinem Testament, Briefen und anderen Schriften,
die unter anderem an die "Armen Frauen von San Damiano" gerichtet waren,
treffen zu können, um an den Orden zu denken, der ihm die letzten
Jahre soviel Angst bereitete und die Menschen um sich zu haben, die ihm
die liebsten waren.
Seine letzten Lebensmonate
waren ein beeindruckender Schwung; eine Sehnsucht nach Harmonie und Austausch,
die nur aus einer unerschöpflichen Fülle von Zärtlichkeit
kommen konnte. Dieser kleine Pavarello, dieser gebrechliche 'Franciscus
parvulus', "Euer ganz geringer Bruder Franz", wie er sich sicher aus Demut,
in den letzten Jahren aber auch wegen seines hilflosen Zustandes selbst
bezeichnete, dieser Mann floß über von Liebe. Sie ist sein größtes
Geschenk, sein letztes Gut, das er nun denen gibt, die er liebt und die
ihn lieben, die im Namen seines Ideals leben und danach handeln. Wenn auch
seine körperliche Wirklichkeit nun ein ununterbrochenes, langes und
vielfältiges Martyrium ist, so quillt doch seine Seele so sehr über
von Zärtlichkeit, dass er an den bevorstehenden Tod nicht zu
denken scheint. Denn auch dieser Tod gehört zur natürlichen Ordnung
der Schöpfung, wie Gott sie in seiner Liebe zu den Menschen gewollt
hat. Der Tod kann nicht Angst machen, ebensowenig wie Auf- oder Untergang
der Sonne, sowie die dunkle Nacht mit ihrem Mond und den Sternen.
Franziskus ließ sich
nach seinem Aufenthalt im Hause des Bischofs zurück zur Portiunkula
bringen. Er wußte, dass es seine letzte Heimkehr zu seinem kleinen
Kirchlein sein sollte. Unterwegs wurde bei San Damiano, auf Franziskus
Wunsch hin eine Pause gemacht. Er selbst wollte still von Klara und den
anderen Schwestern Abschied nehmen, und nun für immer, daran gab es
keinen Zweifel mehr. Sehen konnte er sie mit seinen eigenen Augen nicht
mehr, die Krankheit war zu fortgeschritten. Auf dem weiteren Rückweg
von San Damiano zur Portiunkula segnete er seine Geburtsstadt Assisi. Jenes
damalige Zentrum, in dem er als junger Mann ständig Wortführer
und König der Feste war; jene Stadt, die ihn nach seiner Lossagung,
nach seiner Bekehrung verachtete und auslachte, doch jetzt, zum Ende seines
Lebens bewunderte.
"Beim Tode des Menschen",
spricht der Weise, "werden seine Werke kund". Das sehen wir an diesem Heiligen
herrlich erfüllt. Mutigen Herzens durchlief er den Weg der Gebote
Gottes, über alle Stufen der Tugenden gelangte er zum Gipfel. Wie
ein schmiedbares Metall, unter dem Hammer vielfältiger Trübsal
zur Vollendung gebracht, erreichte er das Ziel aller Vollendung. Denn der
Welt zu leben, hielt er für Schmach, die Seinen liebte er bis ans
Ende, singend empfing er den Tod. - Als er sich schon seinen letzten Tagen
näherte, in denen sich seine Augen dem vergänglichen Licht schließen
sollten, um sich für das ewige Licht zu öffnen, zeigte er durch
das Beispiel seiner Tugend, dass er nichts mehr mit der Welt gemein
hatte. Von jener so schweren Krankheit, die allem Siechtum ein Ende machte,
nämlich ganz aufgerieben, ließ er sich nackt auf den nackten
Boden legen, um in jener letzten Stunde, in der der Feind immer noch in
Zorn geraten konnte, nackt mit dem Nackten zu ringen. In Wahrheit erwartete
er unerschrocken den Triumph mit verschlungenen Händen umfing er die
Krone der Gerechtigkeit. So auf der Erde liegend, seines rauhen Gewandes
entblößt, erhob er sein Antlitz wie gewohnt zum Himmel. Ganz
in Erwartung der kommenden Herrlichkeit, bedeckte er mit der linken Hand
die rechte Seitenwunde, damit man sie nicht sehe. Und er sprach zu den
Brüdern: "Ich habe das meine getan, was euer ist, möge euch Christus
lehren"!
Als die Brüder das
sahen, vergossen sie reiche Tränen, aus tiefster Seele kamen schwere
Seufzer, und übergroßem Schmerz und Mitleid gaben sie sich hin.
Mittlerweile, als sich das Schluchzen einigermaßen beruhigt hatte,
erhob sich eilends sein Guardian, der den Wunsch des Heiligen auf göttliche
Eingebung hin deutlich erkannt hatte, nahm einen Habit, eine Hose und ein
Käppchen aus grobem Tuch und sprach zum Vater: "Diesen Habit, diese
Hose samt dem Käppchen leihe ich dir kraft des heiligen Gehorsams,
das sollst du wissen! Aber damit du weißt, dass dir diese Dinge
in keiner Weise gehören, entziehe ich dir jegliche Vollmacht, sie
jemandem zu schenken." Da frohlockte der Heilige und jauchzte auf vor Freude
des Herzens, weil er sah, dass er der Herrin Armut die Treue bis zum
Ende gehalten habe. Er hatte das alles aus Eifer für die Armut getan,
dass er nicht einmal einen eigenen Habit im Tode haben wollte, sondern
nur einen von einem anderen entliehenen. Ein Käppchen aus grobem Tuch
hatte er auf dem Kopf getragen, um die Narben zu bedecken, die ihm von
der Augenoperation geblieben waren. Doch wäre für ihn eine ganz
weiche Kappe von allerfeinster Wolle recht notwendig gewesen.
Darauf erhob der Heilige
seine Hände zum Himmel und pries seinen Christus, weil er nun, aller
Last ledig, frei zu ihm gehen konnte. Um sich aber in allem als Christi,
seines Gottes, wahren Nachfolger zu zeigen, liebte er seine Brüder
und Söhne, die er von Anfang an geliebt hatte bis ans Ende. Er ließ
nämlich alle Brüder, die dort anwesend waren, zu sich rufen,
besänftigte sie mit tröstenden Worten wegen seines Todes und
forderte sie in väterlicher Güte auf, Gott zu lieben. Über
die Beobachtung der Geduld und der Armut hielt er noch eine längere
Ansprache, worin er das heilige Evangelium allen übrigen Satzungen
voranstellte. So waren alle Brüder nun um ihn versammelt; er streckte
seine Rechte über sie aus, legte sie, beginnend bei seinem Vikar,
jedem einzelnen aufs Haupt und sprach: "Lebet wohl, ihr meine Söhne
alle, in der Furcht des Herrn und verbleibet in ihr allezeit! Und weil
Versuchung und Drangsal kommen werden, darum glückselig, die in dem
beharren werden, was sie begonnen. Ich aber eile nun zu Gott, dessen Gnade
ich euch alle empfehle." Und er segnete in denen, die zugegen waren, auch
alle Brüder, die überall in der Welt sich aufhielten, und auch
die, welche nach ihnen kommen würden bis zum Ende aller Zeiten.
Keiner soll sich diesen
Segen widerrechtlich zueignen, den er in den Anwesenden für die Abwesenden
spendete. So wie der Segen an anderer Stelle aufgezeichnet ist, bezeichnet
er etwas Besonderes, das aber viel mehr auf das Amt anzuwenden ist.
Als deshalb die Brüder
bitterlichst weinten und untröstlich klagten, ließ sich der
heilige Vater Brot bringen. Er segnete es, brach es und reichte jedem ein
Stücklein zum Essen. Er ließ auch das Evangelienbuch bringen
und bat, man möge ihm das Evangelium nach Johannes vorlesen von der
Stelle an, wo es heißt: "Vor dem Osterfeste usw." Er erinnerte sich
jenes allerheiligsten Abendmahles, das der Herr mit seinen Jüngern
zuletzt feierte. Denn zum ehrenden Andenken daran und zum Erweis, welch
innige Liebe er zu seinen Brüdern hatte, tat er dies alles.
Darauf benützte
er die wenigen Tage, die bis zu seinem Heimgang noch übrig waren,
zum Lobe Gottes und forderte seine geliebten Gefährten auf, mit ihm
Christus zu loben. Er selbst aber brach, so gut er konnte, in diesen Psalm
(Psalm 141)
aus: "Mit meiner Stimme rufe ich zum Herrn, mit meiner
Stimme flehe ich zum Herrn."
Er lud auch alle Geschöpfe zum Lobpreis
Gottes ein und durch Worte, die er einstens gedichtet, forderte er sie
auf zur Liebe Gottes. Ja, sogar den Tod persönlich, allen schrecklich
und verhaßt, forderte er auf zum Lobpreis. Fröhlich ging er
ihm entgegen und lud ihn ein zu Gast: "Sei willkommen, mein Bruder Tod"!
Zum Arzt aber sagte er: "Mut, Bruder Arzt, sag es mir nur, dass der
Tod sehr nahe ist; er wird mir die Pforte zum Leben sein!" Und zu den Brüdern
sprach er: "Wenn ihr seht, dass es mit mir zu Ende geht, so legt mich
nackt, wie ihr mich vorgestern gesehen habt, auf den Boden und laßt
mich, wenn ich verschieden bin, solange so liegen als man braucht, um gemächlich
eine Meile weit gehen zu können." - So kam seine Stunde und, da sich
Christi Geheimnisse alle an ihm erfüllt hatten, entschwebte er glückselig
zu Gott. (2 Cel 214 - 217)
Franziskus starb am Abend des 03. Oktober
1226.
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